„Ruf und Rat“ feiert 60. Geburtstag

,

Krieg auf europäischem Boden, steigende Energiepreise, Klimakrise und Folgen von Corona – die Anliegen, mit denen sich die Menschen an „Ruf und Rat“ wenden, haben sich in den letzten 60 Jahren stark verändert. Gleichgeblieben ist, dass die Mitarbeitenden der psychologischen Beratungsstelle und der katholischen Telefonseelsorge für alle Menschen in Not da ist, gleich welcher Nationalität oder Religionszugehörigkeit. In den vergangenen sechs Jahrzehnten sind die Hilfesuchenden immer mehr geworden und das Angebot wurde erweitert. „Besonders bei jungen Erwachsenen, die sich oft per Chat bei uns melden, haben wir einen enormen Zuwachs“, berichtet Gabriele Stark, die seit zwei Jahren „Ruf und Rat“ leitet.

„Das Leben ist fragil geworden, das spüren junge Menschen besonders, auch Einsamkeit ist ein großes Thema“, erzählt Gabriele Stark. „Auf Dauer kann man bei der Familie und den Freunden die eigenen psychischen Probleme nicht thematisieren, ohne Beziehungen überzustrapazieren. Dafür sind wir mit unserem multiprofessionellen Team und dem geschützten Rahmen da.“ Und auch dieser entwickelt sich weiter, zum Beispiel bei „Blended Counseling“. Ratsuchende profitieren dabei von einem Mix aus Präsenz- und mit Videoberatung. „Die Menschen, die sich an uns wenden sind sehr dankbar, dass wir so flexibel sind“, sagt die Psychologin.

Im Vergleich zu den Anfängen von „Ruf und Rat“ nimmt sie mehr Offenheit gegenüber psychischen Erkrankungen und eine höhere Bereitschaft wahr, sich Hilfe zu holen. Bei Menschen jedoch, die sich an patriarchalischen Strukturen orientieren, gebe es noch sehr große Hürden. „Deshalb arbeiten wir daran, unsere Angebote möglichst niederschwellig zu gestalten, z. B. ist auch anonyme Beratung möglich“, berichtet die Leiterin.

Gegründet 1962 als „Offene Tür“ in der Paulinenstraße

„Ruf und Rat“ wurde im Herbst 1962 als Einrichtung „Offene Tür“ mit den Aufgabengebieten katholische Telefonseelsorge, Ehe- und Familienberatung und Glaubensinformation eröffnet. Die Aufteilung in Telefonseelsorge, die rund um die Uhr erreichbar ist, und Beratungsstelle ist geblieben. Während man früher einfach zwischen 11 und 22 Uhr in der Paulinenstraße 40 vorbeikommen konnte, finden die Beratungstermine inzwischen nach Absprache online oder vor Ort im Rupert-Mayer-Haus in der Hospitalstraße statt. „Uns ist es sehr wichtig, schnell Ersttermine anzubieten. Wir möchten den Menschen psychologische Beratung anbieten, bevor sich Probleme verfestigen“, so Gabriele Stark. Durch Folgetermine oder eine schnelle Weitervermittlung könne man die Selbstwirksamkeit wieder ins Erleben bringen, Autonomie stärken oder auch psychische Erkrankungen abfedern. „In der Regel verschwinden Probleme nicht, wenn man sie nicht angeht. Im Gegenteil, sie verstärken sich. Deshalb gilt es, sie möglichst frühzeitig zu erkennen und versuchen, ihnen etwas entgegenzuhalten, präventiv.“

Chat-Beratung wird immer wichtiger

Die Telefonseelsorge war zunächst unter einer Stuttgarter Nummer erreichbar und kostenpflichtig. Seit 1997 gibt es zwei bundeseinheitliche und gebührenfreie Telefonnummern (0800 111 0 222 und 0800 111 0 111). Die Nachfrage ist nach wie vor groß, auch wenn die Beratung per Chat, die vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene nutzen, kontinuierlich zunimmt. „Inhaltlich ist das, was die Menschen uns in Chats berichten, zum Teil viel gravierender als das, was sie uns am Telefon erzählen. Oft sind es Gewalt- und Missbrauchserfahrungen. Vielen Menschen fällt es leichter darüber zu schreiben als sie auszusprechen“, sagt Gabriele Stark. Sie geht davon aus, dass es in zehn Jahren mehr Menschen gibt, die den Chat nutzen als Menschen, die zum Telefonhörer greifen.

Mehr Ehrenamtliche und mehr Angestellte

Auch personell hat sich „Ruf und Rat“ erweitert: Während am Anfang ein Pfarrer und ein Team von 25 meist ehrenamtlichen Personen für Menschen in Not da waren, sind es inzwischen elf Angestellte und 70 Ehrenamtliche. Zum Angebot von „Ruf und Rat“ zählen auch juristische Beratung, Ehe- und Paarberatung, Familien- und Einzelberatung, Trennungsberatung, Supervision sowie Mediation.

Von Elisabeth Perkovic  20. Januar 2023
Bilder © Heinz Heiss

Bildergalerie