Immer mehr psychisch kranke Menschen rufen bei der Telefonseelsorge an
Katholische und evangelische Telefonseelsorge in Stuttgart stellen Jahresberichte vor.

Was die Statistiken der Krankenkassen schon lange vermelden, spiegelt sich auch bei der evangelischen und katholischen Telefonseelsorge in Stuttgart wider: Die Zahl der Menschen mit psychischen Erkrankungen wächst. Viele Menschen, die in psychotherapeutischer oder psychologischer Behandlung sind, suchen darüber hinaus Hilfe auch bei der Telefonseelsorge – sei es nachts oder am Wochenende, etwa, wenn der behandelnde Therapeut nicht zu erreichen ist oder auch, weil sie das Bedürfnis haben, über die Behandlung zu reden. Die beiden Telefonseelsorgen, die in das Gesundheitssystem nicht eingebunden sind und auch keine Gelder der Krankenkassen erhalten, sehen sich als wichtige kirchliche Ergänzung.  

Da ist die missbrauchte Frau, die sich nach außen ein scheinbar normales Leben aufgebaut hat, ihrem Beruf nachgeht, aber mit ungeheuren Ängsten im Kontakt mit anderen Menschen zu kämpfen hat und die seit Jahren immer wieder bei der Telefonseelsorge anruft. Da ist der junge Mann, der wegen seiner Depression behandelt wird und der darüber reden möchte, ob er die Medikamente absetzen soll. Oder der ältere Mann, der jeden Tag aufs Neue überwältigt ist von erschreckenden Nachrichten irgendwo auf der Welt und dem es hilft, wenn ein Telefonseelsorger mit ihm ein Gebet spricht. Alle drei sind in Therapie, brauchen aber dennoch die Ansprache der Haupt- und Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge.

„Wir sehen uns als wichtige Ergänzung zum Gesundheitssystem. Wir sind nicht in den Strukturen verortet, bekommen keine finanzielle Förderung aus diesem Bereich. Das heißt, dass wir frei handeln können“, sagt Martina Rudolph-Zeller, die stellvertretende Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge in Stuttgart. Der große Vorteil der Telefonseelsorge sei es, dass die Beratenden über die wichtige Ressource Zeit verfügten – anders als in Kliniken und Praxen, wo für Gespräche oft wenige Zeit bleibe. Als weiteren Pluspunkt spricht sie von der Telefonseelsorge als einem „geduldigen System“. „Viele Anrufer sind fordernd und in chronifizierten Zuständen verhaftet. Für einzelne Berater kann dies sehr anstrengend sein. Die Telefonseelsorge aber verfügt über eine hohe Geduld, da die Anrufer immer wieder bei anderen Gesprächspartnern herauskommen. Diese systemische Geduld hilft, die Menschen über eine lange Zeit begleiten zu können.“ Die Anrufer seien dankbar, dass ihnen in der Not des Augenblicks jemand zuhöre, ohne sie zu korrigieren oder zu drängen.

Im Gesundheitssystem verloren

Den Weg zur Telefonseelsorge finden auch viele psychisch kranke Menschen, die sich im Gesundheitssystem verloren fühlen. Sie erleben das System als mangelhaft, bekommen zu wenig Information und bleiben nach Jahren der Behandlung irgendwo auf der Strecke. „Wir erleben Menschen mit Burnout, die teilweise über Monate krankgeschrieben sind, ohne dass etwas passiert. Sie haben keine Therapie, bekommen vielleicht  Antidepressiva und haben vielfach wenig Ahnung, was für sie möglich und nötig wäre“, erklärt Thomas Krieg, der Leiter der katholischen Telefonseelsorge Ruf und Rat.

Andere Anrufende seien austherapiert und bekämen nur noch eine minimale ärztliche Betreuung. Auch für diese Menschen sei es wichtig, sich zu jeder Zeit und in jeder Krise an die Telefonseelsorge wenden zu können. Klar sei aber auch: „Wir machen keine Therapie, sondern bieten seelsorgerliche Begleitung. Das kann für eine Therapie unterstützend wirken. Immer aber sind wird darum bemüht, dass die Anrufe bei uns nicht kontraproduktiv zur Therapie sind“, erklärt Thomas Krieg. Bei Bedarf vermitteln die Telefonseelsorger auch an   andere Hilfsangebote weiter, etwa an Kliniken oder Gemeindepsychiatrische Zentren.

Daueranrufer werden auf dieselbe Stelle geschaltet

Bei den beiden Telefonseelsorgestellen arbeiten insgesamt 191 Frauen und Männer ehrenamtlich mit. Diese sind es, die neben den vier hauptamtlichen Fachkräften die Erreichbarkeit rund um die Uhr überhaupt erst ermöglichen. Die Ehrenamtlichen werden in qualifizierten, längeren Schulungen auf ihre Tätigkeit vorbereitet. Entgegen genommen haben die Haupt- und Ehrenamtlichen in Stuttgart im Jahr 2017 insgesamt 44 140 Anrufe, im Jahr zuvor waren es noch 51 651 gewesen. Der Rückgang erklärt sich aus zwei technischen Umstellungen. Um eine Art Telefon-Hopping zu verhindern, werden Daueranrufer seit dem vergangenen Jahr auf dieselbe Stelle geschaltet. „Wir hatten Anrufer, die sich am Tag mehr als 80mal bei uns gemeldet haben und tatsächlich an verschiedenen Stellen am Tag nahezu 20 Gespräche erhalten haben. Das ist jetzt nicht mehr möglich.“, sagt Krischan Johannsen, der Leiter der evangelischen Telefonseelsorge.

Neu ist auch, dass alle mobilen Anrufer inzwischen geroutet werden und regional zugeordnet werden. Auch dies hat zu einer Verringerung der Anrufer in Stuttgart geführt. Ein positiver Effekt dieser Entwicklungen ist: Die Gespräche dauern im Schnitt zwei Minuten länger – was bei den Ehrenamtlichen zu einer größeren Zufriedenheit führt. Gestiegen ist die Zahl der Chatberatungen und zwar von 617 im Jahr 2016 auf 995 Kontakte im vergangenen Jahr. „Wenn wir einen Chattermin anbieten, ist dieser immer sofort vergeben“, sagt Bernd Müller von Ruf und Rat.

 

Kontaktdaten der Telefonseelsorge-Stellen

Telefonseelsorge Stuttgart e.V. (evangelisch):
Telefon: 0800 1110111
www.telefonseelsorge-stuttgart.de
info@telefonseelsorge-stuttgart.de (nicht für Mailberatung!)

Telefonseelsorge (katholisch):
Telefon: 0800 1110222
www.ruf-und-rat.de
beratungszentrum@ruf-und-rat.de

Jahresrückblick der Stuttgarter TelefonSeelsorge – auch katholische Stelle Ruf und Rat bietet jetzt Chatberatung an – Modellprojekt der evangelischen Stelle mit Hochschule

Doch das Thema Flüchtlinge ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den insgesamt 45 000 Gesprächen, die bei der evangelischen und katholischen Telefonseelsorge in Stuttgart im vergangenen Jahr eingegangen sind. Die Haupt- und Ehrenamtlichen der beiden Stellen führen zwischen 60 und 70 Gespräche jeden Tag. Es sind oft Menschen, die Brüche und schwere Schicksalsschläge zu verkraften haben, die anrufen, weil sie nicht mehr weiter wissen und an ihrem Leben verzweifeln. Unter den Anrufern finden sich zum Beispiel Menschen, die nach dem Sinn in ihrem Leben fragen, weil sie den Menschen verloren haben, der ihnen am nächsten stand. Seelische Probleme sind der häufigste Grund für die Anrufe. 22 Prozent der Hilfesuchenden leiden an Depressionen, 13 Prozent an Ängsten. Bei etwa 17 Prozent der Anrufer sind Konflikte in der Familie und der Partnerschaft der Grund für den Anruf, bei weiteren 12 Prozent ist Streit mit Nachbarn oder Freunden oder die eigene Einsamkeit der Auslöser. Bei ungefähr 30 Prozent der Anrufer liegt eine psychiatrische Diagnose vor. Die Menschen rufen an, weil der Psychiater oder Psychologe im Urlaub, im Wochenende oder schlicht nachts nicht zu erreichen ist. Neben der Psychiatrie und den ambulanten Krisendiensten ist das Angebot der Telefonseelsorge durch die 24-Stunden-Erreichbarkeit nach wie vor ein unverzichtbarer Teil des bundesdeutschen Hilfesystems.

Ein Thema taucht in immer mehr Gesprächen auf, ganz unabhängig vom Alter der Anrufer: die Flüchtlingskrise. Statistisch lässt sich zwar noch keine feste Aussage treffen, aber der Trend ist aus Sicht von Krischan Johannsen, dem Leiter der evangelischen Telefonseelsorge der Region Stuttgart, unübersehbar. Die gesellschaftliche Veränderung durch die starke Zuwanderung treibt viele Menschen um. „Es ist die Angst vor einer Überfremdung, die spürbar wird, aber nicht nur“, so Johannsen. Bei anderen Anrufern werde durch die Flüchtlingskrise die eigene Fluchtgeschichte wieder aus der Erinnerung nach oben gespült und müsse neu verarbeitet werden. Dann wieder gibt es Anrufer, die aus ihrer Abneigung gegen die Zuwanderer keinen Hehl machen und die von dem Gefühl getrieben werden, dass den Flüchtlingen Sozialleistungen hinterhergeworfen werden, während sie selbst auf der Strecke bleiben. Aber es melden sich auch Menschen, die sich mit viel Herzblut in der Flüchtlingshilfe engagieren, die sich aber überfordert fühlen. „Wir haben zum Beispiel Anrufer, die einen jugendlichen Flüchtling zu Hause aufgenommen haben und die einfach jemand brauchen, der ihnen zuhört“, erzählt Krischan Johannsen.

Jahrzehntelang galt ein Grundsatz als unumstößlich: die deutliche Überzahl der Frauen bei den Anrufern. Wenn man die Gesamtzahlen betrachtet, ist dies auch immer noch so, 68 Prozent der Anrufer bei der Telefonseelsorge sind weiblich. In einer Altersgruppe aber zeichnet sich eine bemerkenswerte Veränderung ab: unter den 5000 Anrufern im Alter zwischen 20 und 29 Jahren finden sich inzwischen fast genauso viele Männer wie Frauen. „Jüngere Männer können eher über ihre Probleme reden. Es ist kein Tabu mehr, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie haben gelernt, dass sie nicht alle Probleme alleine lösen müssen“, stellt Thomas Krieg fest, der Leiter der katholischen Telefonseelsorge Ruf und Rat. Aus Sicht von Krieg deutet sich in den Zahlen eine gesellschaftliche Veränderung an, es wachse eine Generation heran, die sich viel selbstverständlicher Unterstützung und Hilfe sucht und zwar unabhängig vom Geschlecht. Was die jungen Männer antreibt, sich bei der Telefonseelsorge zu melden, sind Orientierungsprobleme auf dem Weg zum Mann sein. „Die alten männlichen Rollenbilder tragen nicht mehr“, sagt Thomas Krieg.

Es sind zwei unterschiedliche Entwicklungen, die sich in der Arbeit der katholischen und der evangelischen Telefonseelsorge beobachten lassen. Zum einen melden sich immer mehr junge Männer, weil sie Orientierung suchen. Zum anderen nehmen die Themen Flucht, Flüchtlinge und die Angst vor Überfremdung stetig mehr Raum in den Gesprächen ein. Die beiden Stellen haben in dieser Woche in einer gemeinsamen Pressekonferenz im Haus der katholischen Kirche ihre Jahresberichte vorgestellt.

160 Frauen und Männer arbeiten ehrenamtlich bei den beiden Telefonseelsorgestellen mit. Sie versuchen, verzweifelten Menschen wieder ein Stück Hoffnung zu geben, sie aufzurichten oder einfach nur eine kurze Zeit am Telefon mit ihnen zu gehen. Die Ehrenamtlichen müssen sich auf eine mehrmonatige Ausbildung einlassen, zu der eine Auseinandersetzung mit der eigenen Person genauso gehört wie das Erlernen von Methoden der Gesprächsführung. Sie verpflichten sich dazu, nach der Ausbildung eine bestimmte Zeit bei der jeweiligen Telefonseelsorge mitzuarbeiten. Vorausgesetzt wird auch die Bereitschaft, nachts Dienst zu tun. Trotz der hohen Anforderungen, die an die freiwilligen Helfer gestellt wird, ist Thomas Krieg überzeugt: „Die Ehrenamtlichen empfinden ihre Tätigkeit als etwas sehr sinnvolles, sie fühlen sich aufgehoben in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten.“ Deshalb bleiben viele Ehrenamtliche auch sehr viel länger bei der Telefonseelsorge als von ihnen erwartet wird. Sowohl die evangelische als auch die katholische Telefonseelsorge bildet regelmäßig Ehrenamtliche aus, bei Ruf und Rat beginnt der nächste Ausbildungskurs im September, bei der evangelischen Telefonseelsorge im Januar.

(Nicole Höfle, katholisches Stadtdekanat, 31. Mai 2016)