Bundesverband Katholischer Ehe-, Familien- und Lebensberaterinnen und -berater e.V.

Erklärung des Bundesvorstandes anlässlich der Anti-Missbrauchs- Konferenz im Vatikan, 21.-24. Februar 2019

Auf der Suche nach Sinn, Glaube, Hoffnung und Liebe wenden sich Menschen vertrauensvoll an die Kirche. Das ist auch die tägliche Erfahrung der Berater*innen in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung. Das Vertrauen in die Katholische Kirche ist durch den Missbrauchsskandal tief erschüttert. Weil dies eine unerträgliche Situation ist und auch die Beratungsarbeit dadurch belastet wird, sieht sich der Bundesvorstand des Bundesverbandes Katholischer Ehe-, Familien- und Lebensberaterinnen und -berater e.V. in der Verantwortung, eine öffentliche Erklärung abzugeben.

Der Bundesvorstand vertritt 710 Mitglieder, die unter dem Dach der Katholischen Kirche Ehe-, Familien-, Lebens-, Sexual- und Erziehungsberatung anbieten.

Wir Berater*innen stehen durch die gehäuften Fälle sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in einem tiefen Zwiespalt. Wir verstehen uns als Menschen, die im kirchlichen Auftrag handeln und werden auch als Vertreter*innen der Katholischen Kirche wahrgenommen. Auf der anderen Seite begegnen wir immer wieder den Opfern von Missbrauch und setzen unsere Kompetenzen ein, um diese Menschen in ihrer Lebensbewältigung stärkend zu begleiten. In einigen Bistümern arbeiten Ehe- Familien- und Lebensberater*innen bei der Entwicklung von Konzepten zu Hilfe und Prävention mit, oder bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen. Auch das kann eine zwiespältige Rolle sein, denn als Kirchenmitarbeiter*innen geraten wir in die Nähe der Täter und Mitwisser, als Berater*innen stehen wir für die Belange der Opfer ein.

Viele fragen uns an, warum wir in dieser Kirche noch arbeiten, warum wir uns um die Opfer kümmern, während die Amtskirche nicht alle möglichen Maßnahmen ergreift, um solche Verbrechen in ihren Reihen zu verhindern, ja noch nicht einmal alles tut, um die Verbrechen aufzudecken und der Rechtsprechung zuzuführen. Um es mit einem Wort Dietrich Bonhoeffers zu sagen: Wir kümmern uns um die, die unter das Rad gekommen sind, fallen aber dem Rad nicht in die Speichen. Wir haben Verständnis für die, die sich in dieser Lage von der Kirche abwenden. Auch viele unserer Mitglieder sehen sich derzeit in einem Gewissenskonflikt.

Gleichzeitig gibt es gerade auch in dieser Situation viel Anerkennung dafür, dass die Mitarbeiter*innen der kirchlichen Beratungsstellen mit ihrer Kompetenz, ihrem Einsatz und ihrer Bindung an den christlichen Glauben aus der Kirche heraus in der Gesellschaft wirken.

Wir verstehen, dass die Rede des Papstes am Ende des Missbrauchsgipfels große Unzufriedenheit ausgelöst hat. Wir begrüßen es zwar, dass die Kirche die Augen nicht mehr verschließt vor dem Leid, das Menschen aus ihrer Mitte anderen angetan haben. Wir erkennen die deutliche Verurteilung der Missbrauchstaten an. Als Berater*innen bemängeln wir aber an dieser Rede vor allem die Bezeichnung der Priester, die des sexuellen Missbrauchs schuldig sind, als „Werkzeug Satans“, die sich „von ihrer menschlichen Schwäche oder ihrer Krankheit [haben] versklaven“ lassen, sowie die Deutung der Missbrauchshandlungen als „Ausdruck des Geistes des Bösen“. Dies halten wir für mehr als missverständlich. Wir betonen: Nicht Satan hat die Opfer missbraucht, sondern Menschen haben die Taten begangen! Aus psychologischer Sicht ist es ein Sich- der-Verantwortung-Entziehen, wenn hier auf höhere Mächte verwiesen wird. Der „Satan“ darf nicht zur Entlastung von eigener Schuld in Anspruch genommen werden. Zur Schuld zu stehen heißt zu bekennen: Ich habe es getan. Reue heißt die Konsequenzen anzunehmen. Damit es für alle Täter auch in der Zukunft Konsequenzen hat, muss es Änderungen im Kirchenrecht geben.

Wir wünschen uns eine Erdung des Priesteramtes, weg von der ideellen Überhöhung und Unantastbarkeit. Ein Priester ist ein Mensch wie jeder andere, der im Raum der Kirche kritisiert und wirksam durch eine neue Gesetzgebung kontrolliert werden muss. Abgesehen von der Erwartung einer Zulassung von Frauen zum geistlichen Amt und der Aufhebung des Pflichtzölibats, die wir teilen, empfehlen wir für Priester eine regelmäßige Supervision, wie es bereits für unsere Berater*innen verpflichtend ist. Wir fühlen uns mit all jenen verbunden, die die überfälligen Reformen in der Katholischen Kirche voranbringen.

Siegburg, den 26.02.2019

Für den Vorstand:

Gaby Hübner
Vorsitzende

Kontakt zur Vorsitzenden:
huebner@bv-efl.de

Sekretariat des Bundesverbandes
Ramona Welteke Hintere Str. 28 A
31840 Hessisch Oldendorf
Tel.: 05971 915504
Fax: 05971 915681
geschaeftsstelle@bv-efl.de
www.bv-efl.de

 

Gefühls-Chaos zu Weihnachten: Wie die Telefonseelsorge hilft

Wie überstehe ich Weihnachten, ohne mir das Leben zu nehmen? Was kann ich gegen meine Einsamkeit tun? Unendlich ist der Fragekatalog in Sachen Advent und Weihnachten, mit dem sich die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge Stuttgart schon seit November konfrontiert sehen.

„Es gibt keine Zeit im Jahr, die so emotional aufgeladen ist“, sagt Thomas Krieg, Leiter der katholischen Telefonseelsorge in Stuttgart. „Nie werden Menschen so unmittelbar mit ihrer Einsamkeit konfrontiert, wie in diesen Tagen“, ergänzt sein Stellvertreter Bernd Müller.
Die beiden hauptamtlichen Mitarbeiter der katholischen Telefon-Anlaufstelle für Menschen in Krisensituationen werden in den Adventswochen von Hilfesuchenden auf andere Themen angesprochen, als das ganze Jahr über.

„Uns fällt auf, dass gerade jetzt viele Menschen eine Partnerschaft per Mobilfunk-Kurzmitteilung beenden“, nennt Krieg ein Beispiel. Die vom kurzfristigen Kontaktabbruch betroffenen Menschen möchten diese Trauer, ihren Verlust und den Ärger vermehrt am Telefon besprechen. Auch der erneute Amoklauf in diesen Tagen auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg verstärkt bei manchen Menschen ihre Ängste und Sorgen.

Zugleich steige der Anteil jener Anrufer signifikant, die Suizid-Gedanken thematisierten. Müller liefert das Beispiel einer Frau, die sich regelmäßig per Chat an die Telefonseelsorge wendet: Die Frau kämpft das ganze Jahr über immer wieder mit Selbstmord-Gedanken. Diese verstärken sich am Wochenende, weil sie dann nicht arbeiten muss und ihr die Struktur des Lebens fehlt. „Diese Angst und der Blick auf den Ausweg Suizid steigert sich, wenn sie nur an die Feiertage denkt“, sagt Müller.

Wie die Chatterin, so fragten viele Menschen, was sie denn an Weihnachten machen sollten. Manche wollten das Fest gar nicht mehr erleben und zögen sich zurück, auch um die Angehörigen mit ihren Sorgen nicht mehr belasten zu wollen. Was die Telefonseelsorge in diesen Fällen tun kann? „Wir versuchen, die Wünsche der Anrufenden zu klären, damit sie in die Lage versetzt werden, selbst eine angemessene Lösung für ihr Problem zu finden“, erläutert Thomas Krieg. Im Fall der Chatterin heiße dies vielleicht: „Mit ihr gemeinsam eine Struktur für die einsamen Tage entwickeln.“

„Ich habe kein Geld für Geschenke“

Manchmal werden auf den ersten Blick praktische Probleme zum Weihnachtsfest sichtbar. So hören sich die Gesprächspartner die Geschichte einer alleinlebenden Mutter an, die jahrelang keinen Kontakt zu ihrem Sohn und deren Familie hatte. Nun hat man sie zur Heiligabend-Feier eingeladen.

„Ich kann da nicht hingehen“, sagte die Anruferin, „weil ich kein Geld für Geschenke habe.“ Ein Fall, bei dem die Experten nicht allein auf den materiellen Aspekt schauten. „Wir haben miteinander gesprochen, ob ihr Gefühle von Scham und Angst im Weg stehen, Weihnachten mit der Familie zu feiern“, erinnert sich Krieg an das Gespräch.

Heile-Welt-Idyll

Ein Beispiel dafür, dass nicht immer die vordergründigen Problemstellungen der Gespräche das eigentliche Problem sind. „Wenn wir mit den Anrufenden wirklich in Kontakt treten, ist schon viel gewonnen“, betont Müller. Dann könnten sich wirkliche Gefühle entfalten und gemeinsam Lösungswege erarbeitet werden.
Zu Weihnachten ist das nicht gerade einfach, da ein „Heile-Welt-Idyll“ aus Sicht der Experten gerade jenen vorgegaukelt werde, die unter dauerhaften Belastungen leiden. „Hinzu kommt eine Jahres-End-Bilanz“, ergänzt Müller.

Gerade im Dezember bemerkten viele Menschen, dass sie ihre Probleme in den vergangenen zwölf Monaten nicht bewältigt hätten. „Ein Gefühl der Ohnmacht kommt auf, das Leben nicht in den Griff zu bekommen“, sagt Krieg. Dies belaste die eigentlich fröhlichen Tage der Weihnachtszeit für jene noch mehr, die regelmäßig Hilfe bei der Telefonseelsorge suchten. Hilfesuchende seien daher froh über die Gewissheit, auch an den Festtagen unter der Rufnummer 0800 / 111 0 222 oder 0800 / 111 0 111  rund um die Uhr geduldige und einfühlsame Gesprächpartner zu finden.

Stuttgart, den 18.12.2018

Immer mehr psychisch kranke Menschen rufen bei der Telefonseelsorge an
Katholische und evangelische Telefonseelsorge in Stuttgart stellen Jahresberichte vor.

Was die Statistiken der Krankenkassen schon lange vermelden, spiegelt sich auch bei der evangelischen und katholischen Telefonseelsorge in Stuttgart wider: Die Zahl der Menschen mit psychischen Erkrankungen wächst. Viele Menschen, die in psychotherapeutischer oder psychologischer Behandlung sind, suchen darüber hinaus Hilfe auch bei der Telefonseelsorge – sei es nachts oder am Wochenende, etwa, wenn der behandelnde Therapeut nicht zu erreichen ist oder auch, weil sie das Bedürfnis haben, über die Behandlung zu reden. Die beiden Telefonseelsorgen, die in das Gesundheitssystem nicht eingebunden sind und auch keine Gelder der Krankenkassen erhalten, sehen sich als wichtige kirchliche Ergänzung.  

Da ist die missbrauchte Frau, die sich nach außen ein scheinbar normales Leben aufgebaut hat, ihrem Beruf nachgeht, aber mit ungeheuren Ängsten im Kontakt mit anderen Menschen zu kämpfen hat und die seit Jahren immer wieder bei der Telefonseelsorge anruft. Da ist der junge Mann, der wegen seiner Depression behandelt wird und der darüber reden möchte, ob er die Medikamente absetzen soll. Oder der ältere Mann, der jeden Tag aufs Neue überwältigt ist von erschreckenden Nachrichten irgendwo auf der Welt und dem es hilft, wenn ein Telefonseelsorger mit ihm ein Gebet spricht. Alle drei sind in Therapie, brauchen aber dennoch die Ansprache der Haupt- und Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge.

„Wir sehen uns als wichtige Ergänzung zum Gesundheitssystem. Wir sind nicht in den Strukturen verortet, bekommen keine finanzielle Förderung aus diesem Bereich. Das heißt, dass wir frei handeln können“, sagt Martina Rudolph-Zeller, die stellvertretende Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge in Stuttgart. Der große Vorteil der Telefonseelsorge sei es, dass die Beratenden über die wichtige Ressource Zeit verfügten – anders als in Kliniken und Praxen, wo für Gespräche oft wenige Zeit bleibe. Als weiteren Pluspunkt spricht sie von der Telefonseelsorge als einem „geduldigen System“. „Viele Anrufer sind fordernd und in chronifizierten Zuständen verhaftet. Für einzelne Berater kann dies sehr anstrengend sein. Die Telefonseelsorge aber verfügt über eine hohe Geduld, da die Anrufer immer wieder bei anderen Gesprächspartnern herauskommen. Diese systemische Geduld hilft, die Menschen über eine lange Zeit begleiten zu können.“ Die Anrufer seien dankbar, dass ihnen in der Not des Augenblicks jemand zuhöre, ohne sie zu korrigieren oder zu drängen.

Im Gesundheitssystem verloren

Den Weg zur Telefonseelsorge finden auch viele psychisch kranke Menschen, die sich im Gesundheitssystem verloren fühlen. Sie erleben das System als mangelhaft, bekommen zu wenig Information und bleiben nach Jahren der Behandlung irgendwo auf der Strecke. „Wir erleben Menschen mit Burnout, die teilweise über Monate krankgeschrieben sind, ohne dass etwas passiert. Sie haben keine Therapie, bekommen vielleicht  Antidepressiva und haben vielfach wenig Ahnung, was für sie möglich und nötig wäre“, erklärt Thomas Krieg, der Leiter der katholischen Telefonseelsorge Ruf und Rat.

Andere Anrufende seien austherapiert und bekämen nur noch eine minimale ärztliche Betreuung. Auch für diese Menschen sei es wichtig, sich zu jeder Zeit und in jeder Krise an die Telefonseelsorge wenden zu können. Klar sei aber auch: „Wir machen keine Therapie, sondern bieten seelsorgerliche Begleitung. Das kann für eine Therapie unterstützend wirken. Immer aber sind wird darum bemüht, dass die Anrufe bei uns nicht kontraproduktiv zur Therapie sind“, erklärt Thomas Krieg. Bei Bedarf vermitteln die Telefonseelsorger auch an   andere Hilfsangebote weiter, etwa an Kliniken oder Gemeindepsychiatrische Zentren.

Daueranrufer werden auf dieselbe Stelle geschaltet

Bei den beiden Telefonseelsorgestellen arbeiten insgesamt 191 Frauen und Männer ehrenamtlich mit. Diese sind es, die neben den vier hauptamtlichen Fachkräften die Erreichbarkeit rund um die Uhr überhaupt erst ermöglichen. Die Ehrenamtlichen werden in qualifizierten, längeren Schulungen auf ihre Tätigkeit vorbereitet. Entgegen genommen haben die Haupt- und Ehrenamtlichen in Stuttgart im Jahr 2017 insgesamt 44 140 Anrufe, im Jahr zuvor waren es noch 51 651 gewesen. Der Rückgang erklärt sich aus zwei technischen Umstellungen. Um eine Art Telefon-Hopping zu verhindern, werden Daueranrufer seit dem vergangenen Jahr auf dieselbe Stelle geschaltet. „Wir hatten Anrufer, die sich am Tag mehr als 80mal bei uns gemeldet haben und tatsächlich an verschiedenen Stellen am Tag nahezu 20 Gespräche erhalten haben. Das ist jetzt nicht mehr möglich.“, sagt Krischan Johannsen, der Leiter der evangelischen Telefonseelsorge.

Neu ist auch, dass alle mobilen Anrufer inzwischen geroutet werden und regional zugeordnet werden. Auch dies hat zu einer Verringerung der Anrufer in Stuttgart geführt. Ein positiver Effekt dieser Entwicklungen ist: Die Gespräche dauern im Schnitt zwei Minuten länger – was bei den Ehrenamtlichen zu einer größeren Zufriedenheit führt. Gestiegen ist die Zahl der Chatberatungen und zwar von 617 im Jahr 2016 auf 995 Kontakte im vergangenen Jahr. „Wenn wir einen Chattermin anbieten, ist dieser immer sofort vergeben“, sagt Bernd Müller von Ruf und Rat.

 

Kontaktdaten der Telefonseelsorge-Stellen

Telefonseelsorge Stuttgart e.V. (evangelisch):
Telefon: 0800 1110111
www.telefonseelsorge-stuttgart.de
info@telefonseelsorge-stuttgart.de (nicht für Mailberatung!)

Telefonseelsorge (katholisch):
Telefon: 0800 1110222
www.ruf-und-rat.de
beratungszentrum@ruf-und-rat.de

Jahresrückblick der Stuttgarter TelefonSeelsorge – auch katholische Stelle Ruf und Rat bietet jetzt Chatberatung an – Modellprojekt der evangelischen Stelle mit Hochschule

Doch das Thema Flüchtlinge ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den insgesamt 45 000 Gesprächen, die bei der evangelischen und katholischen Telefonseelsorge in Stuttgart im vergangenen Jahr eingegangen sind. Die Haupt- und Ehrenamtlichen der beiden Stellen führen zwischen 60 und 70 Gespräche jeden Tag. Es sind oft Menschen, die Brüche und schwere Schicksalsschläge zu verkraften haben, die anrufen, weil sie nicht mehr weiter wissen und an ihrem Leben verzweifeln. Unter den Anrufern finden sich zum Beispiel Menschen, die nach dem Sinn in ihrem Leben fragen, weil sie den Menschen verloren haben, der ihnen am nächsten stand. Seelische Probleme sind der häufigste Grund für die Anrufe. 22 Prozent der Hilfesuchenden leiden an Depressionen, 13 Prozent an Ängsten. Bei etwa 17 Prozent der Anrufer sind Konflikte in der Familie und der Partnerschaft der Grund für den Anruf, bei weiteren 12 Prozent ist Streit mit Nachbarn oder Freunden oder die eigene Einsamkeit der Auslöser. Bei ungefähr 30 Prozent der Anrufer liegt eine psychiatrische Diagnose vor. Die Menschen rufen an, weil der Psychiater oder Psychologe im Urlaub, im Wochenende oder schlicht nachts nicht zu erreichen ist. Neben der Psychiatrie und den ambulanten Krisendiensten ist das Angebot der Telefonseelsorge durch die 24-Stunden-Erreichbarkeit nach wie vor ein unverzichtbarer Teil des bundesdeutschen Hilfesystems.

Ein Thema taucht in immer mehr Gesprächen auf, ganz unabhängig vom Alter der Anrufer: die Flüchtlingskrise. Statistisch lässt sich zwar noch keine feste Aussage treffen, aber der Trend ist aus Sicht von Krischan Johannsen, dem Leiter der evangelischen Telefonseelsorge der Region Stuttgart, unübersehbar. Die gesellschaftliche Veränderung durch die starke Zuwanderung treibt viele Menschen um. „Es ist die Angst vor einer Überfremdung, die spürbar wird, aber nicht nur“, so Johannsen. Bei anderen Anrufern werde durch die Flüchtlingskrise die eigene Fluchtgeschichte wieder aus der Erinnerung nach oben gespült und müsse neu verarbeitet werden. Dann wieder gibt es Anrufer, die aus ihrer Abneigung gegen die Zuwanderer keinen Hehl machen und die von dem Gefühl getrieben werden, dass den Flüchtlingen Sozialleistungen hinterhergeworfen werden, während sie selbst auf der Strecke bleiben. Aber es melden sich auch Menschen, die sich mit viel Herzblut in der Flüchtlingshilfe engagieren, die sich aber überfordert fühlen. „Wir haben zum Beispiel Anrufer, die einen jugendlichen Flüchtling zu Hause aufgenommen haben und die einfach jemand brauchen, der ihnen zuhört“, erzählt Krischan Johannsen.

Jahrzehntelang galt ein Grundsatz als unumstößlich: die deutliche Überzahl der Frauen bei den Anrufern. Wenn man die Gesamtzahlen betrachtet, ist dies auch immer noch so, 68 Prozent der Anrufer bei der Telefonseelsorge sind weiblich. In einer Altersgruppe aber zeichnet sich eine bemerkenswerte Veränderung ab: unter den 5000 Anrufern im Alter zwischen 20 und 29 Jahren finden sich inzwischen fast genauso viele Männer wie Frauen. „Jüngere Männer können eher über ihre Probleme reden. Es ist kein Tabu mehr, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie haben gelernt, dass sie nicht alle Probleme alleine lösen müssen“, stellt Thomas Krieg fest, der Leiter der katholischen Telefonseelsorge Ruf und Rat. Aus Sicht von Krieg deutet sich in den Zahlen eine gesellschaftliche Veränderung an, es wachse eine Generation heran, die sich viel selbstverständlicher Unterstützung und Hilfe sucht und zwar unabhängig vom Geschlecht. Was die jungen Männer antreibt, sich bei der Telefonseelsorge zu melden, sind Orientierungsprobleme auf dem Weg zum Mann sein. „Die alten männlichen Rollenbilder tragen nicht mehr“, sagt Thomas Krieg.

Es sind zwei unterschiedliche Entwicklungen, die sich in der Arbeit der katholischen und der evangelischen Telefonseelsorge beobachten lassen. Zum einen melden sich immer mehr junge Männer, weil sie Orientierung suchen. Zum anderen nehmen die Themen Flucht, Flüchtlinge und die Angst vor Überfremdung stetig mehr Raum in den Gesprächen ein. Die beiden Stellen haben in dieser Woche in einer gemeinsamen Pressekonferenz im Haus der katholischen Kirche ihre Jahresberichte vorgestellt.

160 Frauen und Männer arbeiten ehrenamtlich bei den beiden Telefonseelsorgestellen mit. Sie versuchen, verzweifelten Menschen wieder ein Stück Hoffnung zu geben, sie aufzurichten oder einfach nur eine kurze Zeit am Telefon mit ihnen zu gehen. Die Ehrenamtlichen müssen sich auf eine mehrmonatige Ausbildung einlassen, zu der eine Auseinandersetzung mit der eigenen Person genauso gehört wie das Erlernen von Methoden der Gesprächsführung. Sie verpflichten sich dazu, nach der Ausbildung eine bestimmte Zeit bei der jeweiligen Telefonseelsorge mitzuarbeiten. Vorausgesetzt wird auch die Bereitschaft, nachts Dienst zu tun. Trotz der hohen Anforderungen, die an die freiwilligen Helfer gestellt wird, ist Thomas Krieg überzeugt: „Die Ehrenamtlichen empfinden ihre Tätigkeit als etwas sehr sinnvolles, sie fühlen sich aufgehoben in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten.“ Deshalb bleiben viele Ehrenamtliche auch sehr viel länger bei der Telefonseelsorge als von ihnen erwartet wird. Sowohl die evangelische als auch die katholische Telefonseelsorge bildet regelmäßig Ehrenamtliche aus, bei Ruf und Rat beginnt der nächste Ausbildungskurs im September, bei der evangelischen Telefonseelsorge im Januar.

(Nicole Höfle, katholisches Stadtdekanat, 31. Mai 2016)