Gefühls-Chaos zu Weihnachten: Wie die Telefonseelsorge hilft

Wie überstehe ich Weihnachten, ohne mir das Leben zu nehmen? Was kann ich gegen meine Einsamkeit tun? Unendlich ist der Fragekatalog in Sachen Advent und Weihnachten, mit dem sich die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge Stuttgart schon seit November konfrontiert sehen.

„Es gibt keine Zeit im Jahr, die so emotional aufgeladen ist“, sagt Thomas Krieg, Leiter der katholischen Telefonseelsorge in Stuttgart. „Nie werden Menschen so unmittelbar mit ihrer Einsamkeit konfrontiert, wie in diesen Tagen“, ergänzt sein Stellvertreter Bernd Müller.
Die beiden hauptamtlichen Mitarbeiter der katholischen Telefon-Anlaufstelle für Menschen in Krisensituationen werden in den Adventswochen von Hilfesuchenden auf andere Themen angesprochen, als das ganze Jahr über.

„Uns fällt auf, dass gerade jetzt viele Menschen eine Partnerschaft per Mobilfunk-Kurzmitteilung beenden“, nennt Krieg ein Beispiel. Die vom kurzfristigen Kontaktabbruch betroffenen Menschen möchten diese Trauer, ihren Verlust und den Ärger vermehrt am Telefon besprechen. Auch der erneute Amoklauf in diesen Tagen auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg verstärkt bei manchen Menschen ihre Ängste und Sorgen.

Zugleich steige der Anteil jener Anrufer signifikant, die Suizid-Gedanken thematisierten. Müller liefert das Beispiel einer Frau, die sich regelmäßig per Chat an die Telefonseelsorge wendet: Die Frau kämpft das ganze Jahr über immer wieder mit Selbstmord-Gedanken. Diese verstärken sich am Wochenende, weil sie dann nicht arbeiten muss und ihr die Struktur des Lebens fehlt. „Diese Angst und der Blick auf den Ausweg Suizid steigert sich, wenn sie nur an die Feiertage denkt“, sagt Müller.

Wie die Chatterin, so fragten viele Menschen, was sie denn an Weihnachten machen sollten. Manche wollten das Fest gar nicht mehr erleben und zögen sich zurück, auch um die Angehörigen mit ihren Sorgen nicht mehr belasten zu wollen. Was die Telefonseelsorge in diesen Fällen tun kann? „Wir versuchen, die Wünsche der Anrufenden zu klären, damit sie in die Lage versetzt werden, selbst eine angemessene Lösung für ihr Problem zu finden“, erläutert Thomas Krieg. Im Fall der Chatterin heiße dies vielleicht: „Mit ihr gemeinsam eine Struktur für die einsamen Tage entwickeln.“

„Ich habe kein Geld für Geschenke“

Manchmal werden auf den ersten Blick praktische Probleme zum Weihnachtsfest sichtbar. So hören sich die Gesprächspartner die Geschichte einer alleinlebenden Mutter an, die jahrelang keinen Kontakt zu ihrem Sohn und deren Familie hatte. Nun hat man sie zur Heiligabend-Feier eingeladen.

„Ich kann da nicht hingehen“, sagte die Anruferin, „weil ich kein Geld für Geschenke habe.“ Ein Fall, bei dem die Experten nicht allein auf den materiellen Aspekt schauten. „Wir haben miteinander gesprochen, ob ihr Gefühle von Scham und Angst im Weg stehen, Weihnachten mit der Familie zu feiern“, erinnert sich Krieg an das Gespräch.

Heile-Welt-Idyll

Ein Beispiel dafür, dass nicht immer die vordergründigen Problemstellungen der Gespräche das eigentliche Problem sind. „Wenn wir mit den Anrufenden wirklich in Kontakt treten, ist schon viel gewonnen“, betont Müller. Dann könnten sich wirkliche Gefühle entfalten und gemeinsam Lösungswege erarbeitet werden.
Zu Weihnachten ist das nicht gerade einfach, da ein „Heile-Welt-Idyll“ aus Sicht der Experten gerade jenen vorgegaukelt werde, die unter dauerhaften Belastungen leiden. „Hinzu kommt eine Jahres-End-Bilanz“, ergänzt Müller.

Gerade im Dezember bemerkten viele Menschen, dass sie ihre Probleme in den vergangenen zwölf Monaten nicht bewältigt hätten. „Ein Gefühl der Ohnmacht kommt auf, das Leben nicht in den Griff zu bekommen“, sagt Krieg. Dies belaste die eigentlich fröhlichen Tage der Weihnachtszeit für jene noch mehr, die regelmäßig Hilfe bei der Telefonseelsorge suchten. Hilfesuchende seien daher froh über die Gewissheit, auch an den Festtagen unter der Rufnummer 0800 / 111 0 222 oder 0800 / 111 0 111  rund um die Uhr geduldige und einfühlsame Gesprächpartner zu finden.

Stuttgart, den 18.12.2018